diversestrudel | 19.3.2012 | Kommentare (9)
Loslassen. (2263 Besucher)
Ich bin gerade dabei, auf einer meiner größten Prüfungen im Leben einen Schritt weiter zu gehen. Die Prüfung besteht darin, den Mut zu haben „Nein“ zu sagen.
Ich bin gerade im Krankenstand. Ich funktioniere nicht mehr. Wie schön ist es doch zu funktionieren, in diesem Hamsterrad des Nichtnachdenkens vor sich hin zu laufen, in dem du keinen Gedanken an die wichtigste Frage im Leben verschwenden musst, ob das, mit dem du deine Stunden und Tage verbringst, Sinn macht, ob das der Grund ist, warum du auf der Welt sein sollst. Nein du stehst auf, du tust das zwar nicht unbedingt aus tiefstem Herzen gerne, was du machst, dein Herz hüpft nicht vor Freude, wenn du in der Früh aufstehst, sondern ist manchmal sogar eher besorgniserregend schwer, aber was solls, alle machen das. Spätestens wenn du in der S-Bahn sitzt, mit hunderten von anderen Menschen, die genauso teilnahmslos ins Leere schauen wie du und einfach nur in Ruhe gelassen werden wollen, weißt du, es kann nicht falsch sein, was du machst, die meisten anderen machen es ja auch. Dieses Heer von Menschen, das jeden Tag in die Arbeit kutschiert wird, oder das die Welt mit Co2 verpestet, weil es mit dem eigenen Auto in die Arbeit fährt, ist das Heer von Leistungsträgern, das dieses Land und dieses Europa am laufen hält und zu diesem Heer willst du doch dazugehören.
An sich keine schlechte Sache, aber irgendwas ist schief gelaufen, along the way. Warum sind viele Blicke so leer, warum reden so viele Menschen nicht gerne über ihre Arbeit, oder wenn sie darüber reden, dann eher über einen Marathonlauf oder einen Ringkampf, bei dem irgendwer als Sieger hervorgehen muss und über den oft gleich von Anfang an mit der Stimme des Verlierers gesprochen wird. Man kann den Kampf nicht gewinnen, die „Sieger“ geben den Takt an, den man mittanzt um dazuzugehören. Es gibt die, die den fremdem Takt nachtanzen und ihn sich schönreden und die, die bereits wissen, wahre Sieger sehen anders aus.
Wie befreien? Es ist ein langer Weg und die die meinen, spätestens am Ende des Textes steht die Antwort, muss ich enttäuschen. Ich habe keine. Aber zumindest lüge ich mich nicht mehr an und rede mir ein, dass ich ein Siegertyp bin. Solange ich schön brav die Arbeit der anderen erledige und daneben noch meine eigene und meine, dadurch ein besserer, gescheiterer Mensch zu sein, solange werde ich ein Leistungsträger in dem Sinn sein, den die Gesellschaft, wer immer das auch ist, vorgibt. Ich werde nicht von heute auf morgen ausbrechen. Zuerst mache ich einen Plan. Wie in den guten Gefängnisfilmen. Man steckt in einer Tragödie, aber was einem am Leben erhält ist dieser Plan, den man mit niemandem teilen darf. Der Plan besteht meistens im Graben eines Tunnels unter der Erde, dauert Jahre, besteht aus Einsamkeit, Gefahr, Dunkelheit und Schweiß und der Hoffnung, dass am Ende des Tunnels die Freiheit steht und das neue Leben, außerhalb des Gefängnisses.
Keine Sorge, ich betrachte mein Leben nicht jeden Tag so, ich kann vergessen und funktionieren, wie die meisten anderen auch. Aber mein Körper kann es manchmal nicht, der kriegt dann die Grippe und dann liege ich plötzlich da und kann nachdenken und dann wird mir ganz schlecht, wenn ich sehe, was ich zulasse, was man mit mir machen kann, was ich, sobald ich wieder gesund bin, weiterhin mit mir zulassen werde. Menschen werden mir den ganzen Tag sagen können, was ich zu tun habe. Menschen werden mich benutzen, ausnutzen, anlügen und am Ende steht vielleicht ein kleines Lob oder die Selbstlüge, wie toll ich doch bin. Es stimmt, ich würde nicht so denken, wenn ich Arzt wäre und gerade jemanden am offenen Herzen operieren würde. Ich würde nicht so denken, wenn ich Krankenschwester wäre. Ich würde wahrscheinlich nicht einmal so denken, wenn ich Polizist oder Bewährungshelfer wäre. Vielleicht würde ich auch nicht so denken, wenn ich Psychologin wäre. Aber das alles bin ich nicht. Mein Job bewegt sich in der Coolheitsskala irgendwo zwischen dem Herzchirurgen und dem Bewährungshelfer, er macht nur ganz sicher weniger Sinn. Ich rette keine Menschen, ich kann schon froh sein, wenn ich einem ebenso müden Kollegen, wie ich selbst es bin, einmal am Tag ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann.
Aber wie gesagt, mein erster Schritt zum Schaufeln des Loches in die Freiheit, bei dem ich noch nicht weiß, was auf der anderen Seite auf mich wartet, aber mir alles lieber ist als weiterhin die einzige Befriedigung in meinem Job daraus zu ziehen, dass ich ihn gut mache, dass ich mich zum Heer der Leistungsträger und nicht zum Heer der Arbeitslosen zählen kann und damit meinem Schicksal jeden Tag auf Knien danken sollte, wenn man nach dem Trend in den ARD-Nachrichten geht, ist getan. Es wird sicher nicht einfach, wenn sich das Hamsterrad aufhört zu drehen, vorher muss ich einen Plan B haben. Aber derzeit bin ich ja gerade erst beim Loch graben, fast noch beim Schaufel kaufen, ich habe also noch Zeit. Aber bitte, bitte, bitte, gib mir den Mut „Nein“ zu sagen, zu diesem Takt, den mir die Welt vorgibt, wie ich zu sein habe und den ich so glänzend einhalte. Ich mag mich dafür nicht mehr, ich glaube nicht mehr daran, dass so ein selbstbestimmtes Leben aussieht, dass ich dafür auf die Welt gekommen bin.
Kommentare (9)
Manche Dinge kann man nur mit dem Herzen sehen
http://www.elkes-paradies.de/Seite68.htm
1.08.2012, Christine Kainz
Peter Turrini:
"Damit die Leute heutzutage überleben können, auch wirtschaftlich überleben können, rennen sie mehr und mehr wie die Hamster im Rade, aber in ihrem Innern kommt ihre eigene Seele, die eine völlig andere Geschwindigkeit hat, nicht mehr mit." (Zitat aus Turrinis Theaterstück "Endlich Schluß")
3.05.2012, Christine Kainz
"Endlich Schluss"
2.05.2012, Christine Kainz
:-) Hamsterrad
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/1594108/"Bankraub-für-Anfänger"
18.04.2012, Christine Kainz
Und noch einer
http://videos.arte.tv/de/videos/mein_halbes_leben-6459208.html
20.03.2012, Christine Kainz
Matou
Zufällig sogar einen, zu meinem Kommentar, dazupassenden Film entdeckt:
http://videos.arte.tv/de/videos/matou-6461752.html
20.03.2012, Christine Kainz
Liebe Mitbloggerin "diversestrudel",
"Loslassen" ist wieder ein Beitrag von Ihnen, der schwer ans Gemüt geht und die Gefühle vieler Menschen treffsicher beschreibt.
Erinnert mich an etliche meiner Exkollegen und Exkolleginnen, die mich nun, in der Pension, oft und oft wissen lassen "Sei froh, daß du daheim bist ...!"
Manchmal denke ich, was wäre, würde das Leben in umgekehrter Reihenfolge stattfinden. Erst tot sein, dann mit 100 oder 80 oder 70 "erwachen", immer jünger werden, immer gesünder werden, Pension genießen bzw. all seine Talente und Leidenschaften und Interessen leben, so wie Sie das ebenfalls sehr treffend in Ihrem Beitrag "This could be the end of the line."beschreiben.
Denn es gibt viele Menschen, welche ihre Pensionierung ja gar nicht mehr erleben und gleich aus dem Hamsterrad heraus abtreten. Drum finde ich, sollte der junge Mensch versuchen, all das zu machen, was er als seine Leidenschaft erkennt und versuchen, nichts aber auch gar nichts aufzuschieben.
Haben wir ja alle schon gehört: "Wenn ich einmal in Pension bin, da werde ich lesen, schreiben, reisen usw..."
Mir kommt hier wieder einer meiner Exchefs und zwar (R.E.) in den Sinn, den ich schon lobend erwähnte und zwar in meinem Kommentar v. 30.1.2012 zu GTL`s Beitrag http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=51389
R.E. war ein kluger Chef, der einem gewisse Freiheiten ließ. Ihm war wichtig, daß die Arbeit getan wurde und alles funktionierte. Je mehr "freie Hand" er mir ließ, umso motivierter wurde ich. Ja mir machte die Arbeit so viel Freude, daß ich (wirklich wahr) manchmal sogar am liebsten im Büro übernachtet hätte.
Und das alles, weil R.E. Leidenschaften seines Personals, die sich in den Büroalltag integrieren ließen, zuließ. Da könnte so mancher Chef daraus lernen...
Pablo Picasso wird zugeschrieben, gesagt zu haben "Es dauert sehr sehr lange, bis wir jung werden" und ich möchte in Abwandlung sagen "Es dauert auch sehr sehr lange, bis wir NEIN sagen können".
Mag es auch abgedroschen klingen "Der Weg ist das Ziel" und Sie sind auf einem sehr guten Weg.
Danke, daß wir Sie auf diesem begleiten dürfen und sei es auch vorerst "nur" beim Kauf einer Schaufel.
Manche kommen ja nicht einmal auf die Idee eine solche sich anzuschaffen bzw. daß eine solche überhaupt existiert...
Besonders liebe Grüße und recht baldige "Genesung" ;-)
20.03.2012, Christine Kainz
Glauben Sie mir
das herumschneiden am offenen Herzen
(habe ich nur vor Jahrzehnten als Assistent gemacht)
macht auch nicht mehr "Sinn",
Doktorspielen (was ich noch immer mache) auch nicht.
Ob es Ihnen gelingt aus dem Satz
Nur aus der Sinnlosigkeit entsteht Ethik.
(http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=54378)
etwas zu gewinnen, kann ich natürlich auch nicht beurteilen, aber
zum Thema "Siegertyp" darf ich einen der "Großen" zu Hilfe rufen, der diese Stimmung für mich sehr gut beschrieben hat:
Nobody Told Me
Everybody's talking and no one says a word
Everybody's making love and no one really cares
There's matches in the bathroom just below the stairs
There's always something happening and nothin' going on
There's always something cooking and nothing in the pot
They're starving back in China, so finish what you got
Nobody told me there'd be days like these
Nobody told me there'd be days like these
Nobody told me there'd be days like these
Strange days indeed, strange days indeed
Everybody's runnin' and no one makes a move
Well everybody's a winner and nothing left to lose
There's a little yellow idol to the north of Katmandu
Everybody's flying and no one leaves the ground
Well everybody's crying and no one makes a sound
There's a place for us in movies, you just gotta lay around
{Refrain}
... most peculiar mama
Everybody's smoking and no one's getting high
Everybody's flying and never touch the sky
There's UFO's over in New York and I ain't too surprised
{Refrain}
... most peculiar mama, whoa
19.03.2012, GTL